Das Angebot auf dem Gebiet der modernen Psychotherapie ist reich, und der Ausdruck ‘Psychotherapie-Boom’ erscheint nicht übertrieben. Therapieformen, die bei ihrem ersten Erscheinen befremdend bzw. stark exotisch wirken, werden binnen relativ kurzer Zeit innerhalb der nordamerikanischen oder westeuropäischen Kultur assimiliert und akzeptiert. Die vergleichende Psychotherapieforschung befasst sich mittlerweilen auch mit einigen hundert Therapieformen, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jh. entwickelt wurden. Angesichts dieser unübersehbaren Vielfalt der modernen Psychotherapie stellt sich die Frage, ob und inwieweit es Gemeinsamkeiten mit traditionellen, nicht-westlichen oder früheren Therapieverfahren gibt. Es spricht vieles dafür, die vergleichende Psychotherapieforschung auf sämtliche Kulturen zu erweitern. Dadurch könnten bestimmte euro- oder ethnozentrische Annahmen, die womöglich als universelle oder selbstverständliche Ansichten gelten, endlich klarer erkannt und thematisiert werden. Die verstärkte Beschäftigung mit nicht-westlichen Therapieformen zeigt auch deutlich, wie vielfältig und komplex die Gemeinsamkeiten und Trennlinien zwischen Wissenschaft, Religion, Kosmologie oder Medizin sein können.

Viele theoretische und methodische Erkenntnisse aus Kulturanthropologie, Ethnologie und benachbarten Fachrichtungen müssen in der vergleichenden psycho-therapieforschung Eingang finden. Erst dann wird man vielleicht erkennen, dass neue Errungenschaften der modernen Psychologie wie z.B. Körper-, Regressions- oder Familientherapien längst in etlichen archaischen Kulturen angewandt wurden.

Magisch-religiöse Geistheiler, worunter sich Zauberer, Zauberpriester, Medizinmann, Schamane, Exorzist, Kräuterdoktor, Magier, Medium u.ä.m. subsummieren lassen, wurden lange als pathologische Persönlichkeiten dargestellt und die von ihnen praktizierten Verfahren als völlig unwissenschaftlich und wirkungslos deklariert (VAN QUEKELBERGHE, 1992). Diese früheren Auffassungen etlicher Anthropologen und Psychiater, die den Schamanen als Geisteskranken (WILKEN, 1887, 1971), als Epileptiker (LOEB, 1924) oder den Schamanismus als ‘arktische Hysterie’ (OHLMARKS, 1939) bezeichneten, sind nicht mehr haltbar. Mittlerweilen hat sich der Schamane als die bevorzugte Bezeichnung für ‘magisch-religiöse Geistheiler‘ in der wissenschaftlichen Literatur etabliert. Der Schamane ist eine völlig gesunde Person, die durch besondere Kräfte oder Bewusstseinszustände befähigt ist, mit Geistern zu kommunizieren und sie zugunsten ihrer Stammesleute zu beeinflussen (WINKELMAN, 1986). Ihre Ekstasetechniken (u.a. Seelenflug, Himmelsreisen) und die damit einhergehenden, aussergewöhnlichen Bewusstseinszustände lernen sie vollkommen zu beherrschen und werden in der Regel nach einer langjährigen Heilerausbildung von ihren Stammesmitgliedern als anerkannte und effektive Therapeuten angesehen. Der Schamane hat eine breite Vielfalt an aussergewöhnlichen, abweichenden Verhaltensweisen und Bewusstseinszuständen selbst erfahren und unter Anleitung geeigneter Lehrer die feste Kontrolle über solche Erfahrungen erlernt, um so seine kurativen Aufgaben erfüllen zu können. Bei den auszubildenden Schamanen legt man grossen Wert darauf, dass sie die Kräfte und Zustände, die sie kontrollieren sollen, zunächst am eigenen Leib erfahren und dabei allmählich lernen, sie unter Kontrolle zu bringen.

Der Schamane unterscheidet sich vom Yogi, indem der Yogi entweder nach grossen Zauberkräften (siddhi) oder nach dem praktisch erlebten Überbewusstsein und der Vereinigung mit dem Göttlichen, der Erlösung strebt, beides aber nur in seinem eigenen Interesse und nicht zugunsten einer Gesellschaft, wie dies der Schamane tut. Selbsterfahrung, Lehranalyse etc. sind heute integrierte Bestandteile der modernen Heilerausbildung geworden und erinnern als solche an schamanistische
Initiationsprozeduren.




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